Tuchgeschenke Teil 1: Der “Among the Shadows Shawl” für meine Mutter

Ich habe länger nichts kreatives für andere gemacht. Weder genäht noch gestrickt. Und ich hatte ein wenig verdrängt wieviel Druck mir das macht. Zum einen zeitlich: pünktlich zum Termin fertig zu werden – denn meist ist es ja ein fester Termin wie ein Geburtstag oder Weihnachten zu dem ein Geschenk ansteht und ich es hasse es Gutscheine für etwas zu verschenken. Zum anderen auch vom eigenen Anspruch her. Ich bin ja inzwischen schon pingelig wenn etwas für mich ist. Bei selbstgestricktem bedeutet das: Ich stricke etwas zurück (oder ribbel es auf), wenn ich einen wirklich sichtbaren Fehler sehe. Ist es aber nicht für mich, dann ist irgendwie jeder noch so kleine Fehler sichtbar und wird behoben, auch wenn ich den Fehler erst viele Reihen später sehe.

Bei diesem Tuch fing die lange Vorbereitung schon bei der Farb- und Musterwahl an.

Ich wusste, dass ich meiner Mutter gerne ein Tuch zu ihrem nächsten (runden) Geburtstag stricken möchte. Ich wusste aber auch, dass sie eigentlich gar keine Tücher trägt. Also wie jeder andere benötigt sie (wenn es gar nicht anders geht) einen Schal, wenn es draußen sehr kalt ist. Aber ich habe sie innerhalb von Räumen noch nie mit Tüchern gesehen die sie einfach nur so zum Outfit kombiniert hat. Oder die sie getragen hat, weil sie nur leicht wärmen sollten. Und dennoch wollte ich ihr gerne eines stricken. Vielleicht gerade weil ich der Meinung war sie besitzt da noch nichts tolles. Wissen kann ich das nicht – wir wohnen an entgegengesetzten Ecken in Deutschland und sehen uns nicht häufig. Und wenn dann eher im Sommer. Aber fragen ging auf keinen Fall, denn meine Geschenke müssen wann immer es geht Überraschungen sein. Ich kann da auf keinen Fall fragen “Du sag mal, möchtest du, dass ich dir ein Tuch zum Geburtstag stricke? Würdest du das auch tragen? Und wenn ja welche Farbe und welche Form würden dir da gefallen?” Nee! Geht nicht! Ich habe da irgendwie den eigenen Anspruch, dass ich errate was derjenige braucht. Evtl zu einem Zeitpunkt an dem der Beschenkte das selber noch gar nicht weiß Und dann besteht meine selbsterlegte Aufgabe darin, dass ich selber herausfinden muss was demjenigen steht und was er sich schon immer gewünscht hat. Ich weiß sehr wohl, dass das viiiiel mehr Zeit in Anspruch nimmt als die Personen einfach zu fragen “Hey – was wünscht du dir denn zum Geburtstag?” Aber falls dann kommt “Buch XY, warte ich schicke dir nen Link” dann finde ich das dermaßen unpersönlich, dass ich denke, dass die Person sich das doch jetzt auch super selbst kaufen könnte. Mir selber macht das Schenken dann einfach überhaupt keinen Spaß mehr. Oder noch schlimmer: Wenn die Antwort ist “Geld”. Wenn eine Person nicht wirklich hilfsbedürftig ist, möchte ich richtig ungern Geld schenken. Ich verstehe wenn jemand auf etwas großes sparen möchte, aber ich selber finde das unpersönlich und höchst unangenehm Geld zu verschenken. Ich verschenke gerne Überraschungen. Dinge mit denen der Beschenkte überhaupt nicht rechnet, die er sich aber immer schon gewünscht hat, mir aber eben nie erzählt hat. Und wenn es eine Überraschung bleiben soll, dann muss ich ja erraten was genau dieses “immer schon gewünscht” sein könnte. Und das macht es natürlich anstrengend. Und zeitraubend. Und dennoch mache ich es immer mal wieder bei wechselnden Personen aus meinem näheren Umkreis.

Wenn bei der Geschenkeübergabe die Überraschung und die Freude dann wirklich groß ist, dann hat sich meine lange Vorbereitungszeit plus ggf. die Durchführungszeit falls das Geschenk selbst gemacht ist damit gelohnt und ich bin zufrieden 🙂

Das also zur (langen) Vorgeschichte. Ich wollte etwas Besonderes schenken, ich wollte eine Überraschung schenken.

Und obwohl ich meine Mutter eben nie in Tüchern gesehen habe, konnte ich mir Dreieckstücher so gar nicht an ihr vorstellen. Ich habe dann wirklich Wochen(!) damit verbracht ein geeignetes Strickmuster zu finden. Und gleichzeitig sollte es ein Muster sein das zumindest ein wenig Abwechslung für mich bietet. Gefunden habe ich bei Ravelry dann den “Among the Shadows Shawl” von Kelene Kinnersly. Der hatte eine schöne Rundung und und mir gefiel die Struktur des einfachen Musters.

Die Art und Weise wie er dafür sorgt, dass der Anfang eben kein Dreieck, sondern eine Rundung wird, fand ich spannend. Der Rest war sehr schnell …. nicht mehr spannend. Aber der Vorteil davon: Ich konnte immer und überall weiter stricken ohne großartig zu denken. Und das habe ich dann gemacht: Bei jeder einzelnen Zugfahrt zur Arbeit und zurück, bei jeder noch so kurzen Autofahrt als Beifahrerin, im Wartezimmer und teils in meiner Mittagspause auf der Arbeit. Es war mein Mitnahmeprojekt für jeden Tag – 4 Wochen lang. Gestrickt habe ich solange bis die Wolle fast aufgebraucht war:

Ich habe 2 Stränge á 100g Malabrigo Arroyo in der Farbe “Choco 686” und damit insgesamt etwas mehr als 600 Meter gekauft. Angegeben für das Tuch waren 384 – 411 Meter. Aber als ich das erreicht habe, fand ich das Tuch doch noch sehr schmal. Und ich hatte ja eh 2 Stränge, da ich schon geahnt habe, dass 300 Meter eben nicht ausreichen werden.

Das “Ende” laut Strickanleitung. Bei mir aber erst Zwischenstand

Mit der Woll- und Farbwahl hatte ich mich übrigens auch schwer getan. Ich hatte eine bestimmte Farbe im Kopf, konnte sie aber nicht benennen (Brombeere? Aubergine? Aber nicht zu lila. Und nicht zu dunkel. Evtl leicht ins Bräunliche?? Und irgendwie meliert oder mit Farbverlauf!) Und einmal im Kopf konnte ich mir auch nichts anderes mehr vorstellen. Gefunden hab ich die dann Schlussendlich in einem französischen online shop. Bei “Lil Weasel” musste ich nämlich Wolle nachbestellen, da meine vor Ort gekaufte Wolle “Woolly Muscade” für mein Tuchprojekt “One more Stripe” von Melanie Berg (liegt seither Brach) leider nicht gereicht hat. Aber somit haben sich immerhin die Portokosten aus Frankreich rentiert.

Mein Zeitdruck lag darin, dass ich das Tuch Mitte November verschenken wollte, zuvor aber gerne auch noch eines für meine Schwester stricken wollte die nämlich zuvor auch einen runden Geburtstag feierte. Nach langer Vorbereitungszeit konnte ich am 14. September mit dem Stricken starten und wurde exakt 4 Wochen später fertig: am 14. Oktober. Damit hatte ich auch noch mal exakt die gleiche Strickzeit für das Tuch meiner Schwester. Aber dazu nächstes Mal mehr 😉

Hier noch kurz die Fakten für dieses Tuch:

Wolle:
2 Stränge á 100g Malabrigo Arroyo in der Farbe “Choco 686”
(38,60€)
100 % Schurwolle; Garngruppe Sport, 5 ply
Die Wolle lässt sich sehr angenehm verstricken.

Der Flauschfaktor:
Mittelweich würde ich sagen. Nicht super flauschig, aber sehr angenehm weich.

Muster / Anleitung:
Among the Shadows Shawl” von Kelene Kinnersly.
Englische Anleitung; $7.14 USD. Den Preis finde ich für das bisschen Muster ein wenig happig
Ob ich es nochmal, bzw. auch für mich einmal stricken werde, ist noch offen. Eher nicht…..
Die Anleitung ist sehr einfach zu verstehen, wird aber leider auch nach kurzer Zeit eher langweilig.
Das Muster kommt durch die ausgewählte Farbe leider nicht so rüber wie bei dem hellen Grau das bei Ravelry als Designbeispiel gilt.
Ich finde es dennoch schön und ich finde es sehr passend für meine Mutter für die ich die Anleitung ja gekauft habe.

Der Zeitfaktor:
4 Wochen als “immer mit dabei-Projekt”

Gestrickt mit: 
Lykke-Holznadeln 3,5mm

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